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Beitrag vom Oktober, den 20. aus dem Jahr 2007.

Beitrag: Ein schöner Ausblick über Wien und ein tiefer Einblick in die Zukunft eines barrierefreien Webs

von Georg-Armin Petre.

Im Techgate-Gebäude bei der Wiener UNO-City (quasi eine Stadt in der Stadt) fand gestern die zweite vom Verein "accessible media" organisierte Informationsveranstaltung zum Thema Barrierefreies Internet statt. Dieses Jahr lautete der Titel: "<A-Tag>07: Barrierefreie Medien".

Ausblick auf Wien und die Donau
Bild: Ein Blick auf Wien und die Donau...

In der Lounge angekommen, welche sich im 19en Stockwerk befindet, ließ der fesselnde Blick über einen weiten Teil Wiens und die im Süd-Westen dahinter liegenden Hügel, Großes für den Tag erwarten. Mit Namensschildchen versehen ging es auch (fast) pünktlich mit einer freundlichen Begrüßung der Vereinsvorsitzenden Frau Eva Papst, welche nebenbei bemerkt selbst blind ist und hervorragend moderiert hat, an den Start. Die obligatorischen Gebärdensprachdolmetscher durften hier selbstverständlich nicht fehlen, sodass aufgrund des langen Programms von Anfang an drei Übersetzer abwechselnd arbeiteten.

Nach den Reden zweier Ehrengäste – nämlich der Staatssekretärin im Bundeskanzleramt und dem Leiter des Bundesozialamtes – durfte man sich auf den ersten interessanten Vortrag vor der Kaffepause freuen. Jan Eric Hellbusch, so der nicht unbekannte Name des ebenfalls blinden Sprechers, berichtete über einige Preisträger der BIENE-Auszeichnung und deren Erfolgsfaktoren bei der Entwicklung barrierefreier Internetseiten. Interessant hierbei war der Umstand, dass dem Redner – welcher mit einem Headset versehen – die jeweils aktuelle Seite seiner Präsentation im Hintergrund vorgelesen wurde. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit der für blinde Menschen nicht unbedingt gut zu bedienenden Laptop-Tastatur und seiner im Publikum für Heiterkeit sorgenden Bemerkung, "er gehöre nicht zu den Menschen, die gleichzeitig zuhören können, während Sie sprechen", war der Vortrag in vielerlei Hinsicht sehr lehrreich.

Eine Tasse Tee später gab es vielleicht den wenn nicht hörenswertesten, doch zumindest unterhaltendsten Vortrag des Tages. Dr. Purgathofer, von der TU Wien, zeigte anhand verschiedener Beispiele und stellte begreiflich dar, wieso Captchas im Grunde genommen kontraproduktiv sind. Diese schließen die Menschen aus, die nicht in der Lage sind die teilweise sogar für einen "normalen" Menschen unmöglich zu lösenden Captchas zu bewältigen - für ein Programm jedoch nur bedingt einen erhöhten Lösungsaufwand bedeuten.
Im Anschluss danach stellte Markus Riesch, Leiter der Stiftung "Zugang für alle" aus Zürich, deren Erhebung zu den Schweizer Behördenseiten auf Zugänglichkeit und Bedienbarkeit vor. Es stellte sich heraus, dass die öffentlichen Internetseiten in der Schweiz genauso viele Defizite bezüglich Barrrierefreiheit besitzen, wie die in Österreich. Zum Nachdenken anregend war wohl die Aussage, dass sie bei der Beurteilung absichtlich auf eine Platzierung verzichtet haben, da man die Betreiber nicht gegeneinander ausspielen wolle. Eine Beurteilung an sich sei allerdings unerlässlich um die notwendigen Stellen aufzurütteln: Die Politiker bräuchten Sterne und schließlich sei das ja auch eine Image-Sache.

Thomas Caspers, gleichermaßen kein Unbekannter, führte mit seiner ansehnlichen Präsentation viele Punkte an, wieso Flash und AJAX bei vielen Entwicklern und Anwendern zu Unrecht in Ungande gefallen sei. Denn eigentlich

  • können Suchmaschinen auch Flash- und mittels Javascript generierte Inhalte auslesen
  • sind gute Flash-Applikationen ebenso mit der Tastatur komplett navigierbar
  • verstehen auch Screenreader die Scriptsprache JavaScript.

Der Vortrag, auf den ich persönlich gespannt war, nämlich auf den von Shadi Abou-Zahra, einem W3C Web Accessibility Spezialisten, war vermutlich eines der Highlights dieses Tages. Seine Rede beschäftigte sich mit dem Thema, wie wir das Web, welches sich durch AJAX und Co. von rein statischen Seiten zu ganzen Applikationen mit dynamischen Inhalten entwickelt hat, mit den momentan vorhanden Mitteln auch für körperlich oder anderweitig benachteiligte Menschen zugänglich machen können.
Einen großen Ansatz liefert das von ihm hier vorgestellte WAI-ARIA des W3C. Auch gab es das erste von ihm als solches bezeichnete Geheimnis: In den kommenden Tagen soll die WAI-ARIA als Last Call Working Draft veröffentlicht werden. Wir sind gespannt darauf, wie diese Technologie aufgenommen wird. Die großen Browser-Hersteller sind allerdings laut Abou-Zahra bereits beim Implementieren. Wehr mehr darüber lesen will, den verweise ich auf die Seite des W3C WAI-ARIA oder auf eine etwas lange, dafür gelungene technische Zusammenfassung über WAI-ARIA vom Barriere Kompass.
Das zweite und mit Sicherheit strenger gehütete Geheimnis, das uns der charmante Herr vom W3C mitteilte (wohl nicht unbeabsichtigt oder vielleicht aufgrund der Fragen, die seitens der Zuhörer den halben Tag über gestellt wurden), dürfte vielen die Lauscher aufsperren. Laut Abou-Zahri stünden nur noch 5 Problempunkte des Entwurfs der Web Content Accessiblity Guidelines 2.0 vor Ihrer Lösung. Es darf also gehofft werden, dass vielleicht nächstes Jahr die WCAG 2.0 den Status einer Empfehlung erhalten.

Ein für viele etwas trockenes Thema stellte der Vortrag von Klaus Miesenberger dar, in dem es um die Überprüfung der Accessibility von Websites ging. Meiner Meinung nach ist es fraglich, ob es sich durchsetzen wird, dass Betreiber ihre Webseiten für viel Geld evaluieren lassen. In diesem Fall geht es wohl eher um die Frage des Prestiges, als um die des Nutzens.
Anschließend gaben die Verantwortlichen dreier großer Websites (www.ba-ca.com, www.telekomaustria.com, www.help.gv.at) viertelstündige Statements zu den Problemen und Lösungen, die ihnen während der Entwicklung ihrer Seiten zu einem barrierefreien Internetangebot, begegnet sind. Zuletzt nahm man sich eine Stunde Zeit, Fragen aus dem Publikum zu beanworten, wobei sich interessante Gesprächsthemen herausbildeten und man das eine oder andere zum Lachen besaß.

Ein Kompliment an accessible media für die lockere und doch professionelle Veranstaltung, der Wahl der von jedermann und jederfrau bewundernden Räumlichkeiten und für die gute Verköstigung während des Tages. Danke!

Kategorie: Nachrichten
 

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